Info 27
Märchen und kosmische Ereignisse
Neue Züricher Zeitung 21.02.1991

„Der Wolf und die sieben Geißlein“

Das Siebengestirn (Plejaden) ist ein offener, auffälliger Sternhaufen im Sternbild Stier, von dessen rund 130 bekannten Sternen nur sechs bis neun von bloßem Auge gesehen werden können. In den Sternhimmeldichtungen der alten Völker tritt kaum eine andere Sterngruppe häufiger in Erscheinung. Periodisch nähert sich der Mond dieser Gruppe, verdeckt sie, «frisst sie auf» und gibt sie nach einer Weile wieder frei. Am 21. Februar kommt es in den Abendstunden zur vierten Plejadenbedeckung der laufenden Periode, in deren Verlauf vom Mond elf Sterne bedeckt werden - davon sind zwei von bloßem Auge sichtbar. Dieses Ereignis hat in verschiedenen Märchen, so auch in «Der Wolf und die sieben Geißlein» oder im «Rotkäppchen» eine weitverbreitete mythologische Bedeutung erfahren. Im folgenden sei gezeigt, wie der Märcheninhalt der Geschichte von den «Sieben jungen Geißlein» sich als kosmisches Ereignis darstellen lässt.

Mannigfache Deutungen

Der Mond hat in der Mythologie mannigfache Deutungen erfahren. Er ist auch wegen seines schnellen Durchlaufens der Tierkreis-Sternbilder mit einem Wolf verglichen worden. Sterne, die auf der Mondbahn am Himmel liegen, werden durch ihn verschluckt, und spätestens nach einer Stunde treten sie wieder unversehrt aus der Mondscheibe aus. In den Plejaden, dem Siebengestirn, liegen nun die Sterne so nahe zusammen, dass der Mond-Wolf sechs Sternlein verschlingen kann, nur das siebente entgeht noch knapp dem Unheil.

Wer könnte nun die Geißenmutter unter den Sternen sein? Es muss ein Planet oder Wandelstern sein. Welcher es nur sein kann, lässt sich aus der Geschichte bestimmen. Während der Zeit, welche die Geißenmutter braucht, um in den Wald zu gehen und wieder zurückzukommen, geht der Mond-Wolf dreimal hart am Geißenhäuslein vorbei. Es ist dies ein Zeitraum von dreimal 27 1/3 Tagen (= 82 Tage). Der einzige Planet, der für seine Rückkehrschleife 82 Tage braucht, ist die Venus (= Istar). Da die Venusbahn ihre Knoten mit der Ekliptik nahe bei den Plejaden hat, wird die Rückkehrschleife zu einer Spitzkehre degeneriert und zeigt die Form eines Ziegenhorns. Dies ist ein weiterer Hinweis darauf, dass die Alten gerade hier das Haus der Ziege suchten.

Der Mond kann nicht bei jedem Umlauf die Plejaden bedecken, da sich seine Bahn in einem Rhythmus von 18,61 Jahren gegenüber der Ekliptik verlagert. Der Mond ist nicht nur der schnell Laufende, er ist auch der seine Gestalt Wandelnde. Wie zeigt sich dies im Märchengeschehen? Die Geißenmutter (Venus) steht zu Beginn beim Siebengestirn (Geißenhäuslein). Sie gibt ihren Kindern gute warnende Ratschläge, da sie weiß, dass in diesem Jahre der Mond-Wolf zum Siebengestirn kommen wird. Kaum hat sich die Venus etwas vom Rückkehrpunkt ihrer Bahn entfernt, zieht schon der vier Tage alte Mond hart am Geißenhäuschen vorbei. Die Mondsichel zeigt den kräftig aufgerissenen Wolfsrachen, die rauhe Stimme. Beim genauen Zusehen lassen sich sogar die spitzen Zähne des Wolfs erkennen. Es sind dies die Mondkrater an der Schattengrenze der Mondphase, die beim vier Tage alten Mond von bloßem Auge sichtbar sind. Wie nun der Mond-Wolf von den Geißlein erkannt und nicht eingelassen wird, eilt er rasch vorbei und sinnt auf Veränderung der Stimme. Er geht zum Krämer, verlangt Kreidemehl und erlangt dadurch eine feinere Stimme. Wie er sich nun zum zweiten Male (nach 27 Tagen siderischer Umlaufzeit) dem Geißenhäuslein (Plejaden) nähert, hat er nur ein Mondalter von zwei Tagen. Er ruft mit ganz feiner Stimme (sehr schmale zunehmende Mondsichel), er sei die Geißenmutter, man solle ihn einlassen. Die Geißlein erkennen aber den Wolf an seiner schwarzen Pfote. Sie ist im Erdenlichtanteil als eine Reihe dunkler Mare zu deuten.

Der Mond-Wolf eilt rasch weiter zum Bäcker (Sonne) und steckt als Neumond die Pfote in den Teig. Bei diesem Besuch beim Bäcker steht die Sonne nahe bei den Plejaden. Der Mond und die Plejaden sind unsichtbar, und deshalb wird dieser Besuch im Märchen nicht erwähnt. Der Mond-Wolf macht gleich noch einen weiteren Umgang. Er geht noch zum Müller, um die Pfote auch noch mit weißem Mehl zu bestreuen. Wie er nun nach 55 Tagen wieder zum Geißenhäuschen kommt, zeigt er die feine weiße Pfote. Es ist dies der 27 Tage alte Mond, zwei Tage vor Neumond. Der Wolfsrachen (zunehmende Mondsichel) ist nicht mehr sichtbar. Die Geißlein erkennen den Wolf in dieser Gestalt nicht mehr; sie lassen den Mond-Wolf in ihr Häuschen eintreten. Er verschlingt in rascher Folge sechs von den sieben Geißlein. Eines bleibt übrig, da die Mondscheibe nicht groß genug ist, um alle sieben Sterne nacheinander zu bedecken.

Nach den 27+55 = 82 Tagen ist nun die Venus-Geißenmutter vom Walde, dem Ort der Unsicht-barkeit beim Übergang vom Venus-Abendstern zum Venus-Morgenstern zurückgekehrt und steht als Morgenstern bei den Plejaden, die gerade durch den Mond bedeckt worden sind. Die Geißenmutter nimmt nun die Schere und schneidet dem Mond-Wolf den Bauch auf und siehe da, alle Geißlein (Sternlein des Siebengestirns) kommen eins nach dem andern wieder lebendig zum Vorschein. Nun füllen die Geißlein den Bauch des Mondes mit Wackersteinen. Es sind dies die dunklen Mare im Erdlichtschein des Mondes zwei Tage vor Neumond.

Der Mond-Wolf eilt nun zum Brunnen und stirbt dort nach zwei Tagen als Neumond. Der Brunnen ist das Sternbild der Zwillinge, das für den Chinesen Sternbild Brunnen heißt.

Auf Grund dieses kosmischen Geschehens lässt sich der Zeitpunkt bestimmen, wann das „Es war einmal“ stattgefunden hat. Damit die Venus ihre Rückkehrschleife bei den Plejaden vollziehen kann, müssen wir zum Jahre 1849 n. Chr. zurückgehen. Diese Lage der Schleife hat sich alle 245 Jahre wiederholt, d. h. in den Jahren 1605, 1360, 1115 ... Gehen wir bis zu den Babyloniern zurück, so kämen die Jahre um 601 und 846 v. Chr. in Frage. Da die Babylonier alle wichtigen Sternkonstellationen auf Tontafeln oder auf Siegeln aufzeichneten, vermutete ich schon lange, dass auch von dieser Plejadenbedeckung und Venus-Konjunktion ein Bilddokument vorliegen könnte. Im Buche: «Cylinder Seals of Western Asia» von D. J. Wisemann (Batchworth Press London) fand ich die gesuchte Konstellation auf einem Siegel, das in die Regierungszeit von Nebukadnezar II. (605 bis 581 v. Chr.) fällt.
William Brunner

Weiterführende Literatur: 1) Infos 12, 13, 15, 24, 26, 28 2) Karlheinz Baumgartl „Avebury - das größere Stonehenge“ (1996), 19 Seiten, Eigenverlag

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