Info 26
Das Märchen als himmelskundliche Berichterstattung der Steinzeit
Kurzfassung des Vortrags von Waltraud Füssmann (Dortmund), gehalten hier in Zeilarn-Oberhaus
zum Seminar „Der freie Geist“ an Pfingsten 1997

Fabeln, Sagen, Legenden, Märchen und Mythen sind mehr oder weniger verwandte Literaturgattungen, die auf eine ihnen typische Art und Weise eine Aussage machen. Uns soll hier das Märchen beschäftigen, und zwar unter dem im Thema angeführten Aspekt: als himmelskundliche Berichterstattung der steinzeitlichen Frühe. Märchen sind z.T. sehr alt, bzw. ihre Motive gehen auf älteste Muster zurück. Sie wurden jahrtausendelang mündlich überliefert. Erst vor 300 Jahren begann man sie aufzuschreiben, zuerst in Italien, dann in Frankreich und England. In Deutschland waren es vor allem die beiden Sprachwissenschaftler Jakob und Wilhelm Grimm, die 1812 - 15 verschiedene Sammelwerke von Märchen herausgaben. Es sind die uns aus Kindertagen bekannten deutschen Volksmärchen wie Rotkäppchen, Hänsel und Gretel, Dornröschen, Froschkönig, Schneewittchen, Hase und Igel, usw. Neben den Volksmärchen entstanden viele Kunstmärchen. Das sind solche Märchen, von denen der Verfasser bekannt ist, z.B. die Märchen von Hans Christian Andersen sind Kunstmärchen. Diese klammern wir aber aus unserer jetzigen Betrachtung aus. Wenden wir uns auch von der Vielfalt der Märchenliteratur ab, die aus Fabulierfreude der Menschen entstanden ist, und beschränken uns auf einige wenige uns bekannte Märchen aus der Sammlung der Brüder Grimm.

W i e haben nun die Brüder Grimm gesammelt? Sie animierten in ihrer Bekanntschaft alle Leute zum Sammeln, und so wurde ihnen aufgezeichnetes Erzählgut aus allen Teilen Deutschlands zugesandt. Mit einem untrüglichen Gespür für das Ursprüngliche bauten sie, oft aus mehreren Versionen, i h r Märchen auf. Wir haben es dem Sprachempfinden dieser beiden genialen Männer zu verdanken, daß uns die deutschen Volksmärchen in ihrer wahren Gestalt in die heutige Zeit überbracht wurden. Sie sind so echt, daß wir in ihrer Grundstruktur die Himmelskunde des Megalithikums wiedererkennen.

Das Wort „Märchen“ ist die Verkleinerungsform von Mär (wie Häus-chen). Der Begriff „Mär“ ist in unserem heutigen Sprachspektrum fast nicht mehr vorhanden. Wir kennen ihn noch aus dem Lutherlied „Vom Himmel hoch, da komm ich her, ich bring euch gute neue Mär, ...“. Mär heißt demnach: Kunde oder Botschaft. Als Kunde ist das Märchen eng mit dem Wort „Kunst“ verbunden, denn auch das Wort Kunst beinhaltet „Kunde bringen“. Das Märchen ist die erste Kunst des Menschen, seine erste Wissenschaft war die Astronomie. Im Dänischen heißt Märchen „saga“, das Gesagte. Das Märchen war die Reflektion des sich in der Frühzeit langsam bewußtwerdenden Menschen auf seine himmelskundlichen Beobachtungen. Das Märchen wurde zum Kultspiel, das zu bestimmten Festtagen des Jahres erdacht, gestaltet und singend gespielt wurde. Sein Inhalt war das dramatische Geschehen des Sonnenjahres. Wie war es dazu gekommen ?

Zu Beginn der Altsteinzeit (vor ca. 600.000 Jahren) begann der Mensch zu z ä h l e n . Er mußte wegen der nahrungsarmen Jahreszeiten (Winter und Frühjahr) Nahrungsvorsorge treffen und somit den z e i t l i c h e n Zyklus des Sonnenjahres in sein Leben integrieren. Um ein Bewußtsein für Zeit zu entwickeln, mußte der Mensch die Rhythmen, die mit dem Gang von Sonne und Mond gekoppelt waren, beobachten. Dazu dienten Pfähle, Bäume, Steine, Felsen, Bergkuppen u.a. zur Markierung. Lange wird es gedauert haben, bis er vor einem scheinbar feststehenden Hintergrund, dem Thyrkreis, den zeitlichen Gang von Sonne und Mond verfolgen konnte. Aus dem Zählen der Tage des Jahres wurde ein Er-zählen. Die Altsteinzeit war die Epoche, wo die heute erzählten Märchen ihren Anfang nahmen.

Die gesetzten Pfähle oder Steine (bzw. andere Markier-ungen) waren die ersten Kalender der Menschheit. Daraus entstand die Urform des Tempels, des zeit-messenden Ortes (Tempel, lat. tempus = die Zeit). Zeitmessen war ein heiliger Akt und der Ort ein heiliger Ort. Was der Mensch erkennt, möchte er zum Ausdruck bringen. Er möchte sich mitteilen. Da drängte es nun den Altsteinzeitmenschen, sein gewonnenes Zeitbewußtsein darzustellen. Er personifizierte Sonne und Mond, die Zeitabschnitte des Jahres und schließlich die des ganzen Thyrkreises. Im Kultspiel tanzte, sang er die Sommer- und Winterwenden der Sonne und der Tag- und Nachtgleichen. Dabei differenzierte er immer mehr, fand neue Bilder und Variationen, so daß eine Vielfalt von Mär(ch)en entstand. Noch heute ist im Heiligenkalender jeder Tag durch eine Person gekennzeichnet. Nur dadurch, daß der Mensch die himmlischen Vorgänge und Bildekräfte auf seine menschliche Ebene transponierte, sie personifizierte, konnte er sie jetzt bildlich be-greifen und später als Be-griff abstrahiert übermitteln. Der Entwicklung von Zeitbewußtsein folgte die Entfaltung einer artikulierten Srache.

Heute erforschen wir das Märchen meistens von seiner psychologischen Aussage her, da sie uns dringlicher scheint als die astronomische. Weil das Märchen personifizierter Ausdruck kosmischen Geschehens ist, spiegelt sich in ihm auch zugleich unser Lebensweg und unser Ziel. Der Mensch der Steinzeit entdeckte, daß die Abläufe am Himmel mit denen seines Lebens in Beziehung standen. Wie er mußte auch die Sonne sterben, wurde zur Winternacht neu wie ein Kind geboren, erstarkte im Frühling des Lebens, hochzeitete zum Sonnenhöchststand (Johannisfest) als Hierosgamos, wobei die Mutter Erde die Braut war und im Herbst reiche Früchte trug. Dieser am Himmel vollzogene Lebenslauf wurde zu einer festen Weltanschauung. Diese Weltanschauung stellt die Wurzel unserer europäischen Kultur dar.

Märchen sind als Himmelsgut die Nahrung der Seele. Die Seele ist jener unsichtbare Begleiter und Informant in uns, der uns durch das Leben führt. Sie wächst mit uns und macht sich durch Stimmungen bemerkbar. Sie fordert ihre Speise und ihre Recht wie der Körper. Die Seele, gleich ob Kinder- oder Erwachsenenseele, bedarf des Zuspruchs, der klingenden, laufenden Bilder als Nahrung, denn sie ist selber abbildender Ton. Jede „Person“ (lat. sonare = klingen) ist durchtönt vom „Gesang“ des Kosmos. Jedes kleine Menschenwesen ist schon Persönlichkeit, von seiner Individualseele durchtönt, und seine Mutter spricht mit der Seele ihres Kindes, selbst dann, wenn es noch gar nicht sprechen kann. Das Stirb und Werde - vom Himmel abgelauscht - spricht in den Märchen seit uralten Zeiten zu unserer Seele. Und e r z ä h l t wirkt das Märchen unmittelbarer als gelesen.

Die Botschaft des Märchens
„Drei Söhne“, „drei Fragen“, „drei Prüfungen“: die Dreizahl ist der Sonnenweg durch das Jahr, wobei Tag- und Nachtgleichen im Frühling und Herbst zusammenfallen und einen Punkt ausmachen. „Der unerreichbare Berg“, „das Schloß der goldenen Sonne“, „der Brunnen als der Quell“ sind jeweils immer die Sonne. „Der große, dunkle Wald“ ist der Winter, „das Häuschen in seiner Tiefe“ = Wintersonnenwende, „die Hexe“ = das Winterhalbjahr, die Mutter Erde im Winter alles verwandelnd. Der heilige Vogel = Zeugung, Geist, Geburt (Hahn, Taube, Schwan, Rabe). Der Drache ist der Mond (auch Esel, Hase, Schlange). Stier = Sommer, Bock = Winter. Turm mit einem Fenster = Sommersonnenwende. Erblindung (Verlust des Augenlichts) = Herbstanfang. Wiedergewinnen des Augenlichts (oder der Sprache) = Frühjahrsanfang. König = alte Sonne, Teufel = alter Gott, der dem neuen gerne Schabernack spielt. Prinz = junge Sonne, Prinzessin = junge Erde, Jungfrau = die in Winterskälte gebundene Erde, die der Prinz aus der Gewalt des Drachens (= Mond) erlöst. Stab, Stock, Knüppel = der zeitmessende Stab, der dem Menschen zu seinem Wissen verhalf. Noch heute ist der Stab Attribut menschlicher Würde (Richter, Dirigent, Marschall, Zauberkünstler, Hirte, Bischof).

Wir können weder Altertums-, noch Märchenforschung betreiben, wenn wir nicht im Besitz der nötigen astronomischen Kenntnisse sind. Die Astronomie ist allein der gültige Schlüssel in die Geisteswelt des frühen Menschen und Ursprung unserer Kultur. In der Folge erläuterte die Autorin einige Märchen wie „Dornröschen“, „Hase und Igel“, „Hans im Glück“.

Anschrift der Autorin: Waltraud Füssmann, 44229 Dortmund, Kreftenscher 4

Literatur: 1) H. Rudolf Engler „Die Sonne als Symbol - der Schlüssel in der Mysterik“, Küsnacht - Zürich, 1962 2) Herrmann Dörr „Megalithische Himmelskunde in Märchen und Mythe“ Düsseldorf, 1983 3) Rose Eller „Das Märchen - Urprung - Symbolik“ Wien, 1985 (Eckartbote, Fuhrmannsgasse 18a, A-1080 Wien)

<<
zur Übersicht
>>
  www.cosmopan.de
Karlheinz Baumgartl
Oberhaus, 84367 Zeilarn
Tel. +49 (0) 85 72 / 3 88
eMail: info@cosmopan.de