Info 16
Gesundheitspolitik ? Fehlanzeige !
(Aufsatz aus „Gesundes Leben“ , Heft 3/1978, Medizinalpolitischer Verlag, Hilchenbach)

Zwei Seelen wohnen in jedermanns Brust, sie wohnen auch in der jedes einzelnen Arztes. Denn Arzttum ist einerseits einem humanen Auftrag verpflichtet, d.h. der Sorge um kranke, leidende, schmerzgeplagte Mitmenschen, und damit dem Bemühen Schmerzen zu lindern, Leidende zu trösten und Kranken zum Gesundwerden zu verhelfen. Fachliches Können, intellektuelle Redlichkeit, moralische Integrität und menschliche Aufgeschlossenheit sind die vier Säulen, auf denen ein solches Arzttum ruht.

Andererseits aber verlockt die heutige Wohlstandswelt manchen Arzt und viele Medizinstudenten dazu, den Pegelstand ihres Könnens, ihrer Redlichkeit, ihrer Integrität und Menschlichkeit zugunsten eines aussichtsreichen Platzes auf der Wohlstandsleiter niedriger anzusetzen, als es seitens der Gesellschaft von ihnen erwartet werden muß. Der Satz „pecunia non olet“ (Geld stinkt nicht), sollte aber niemals die Arbeit der Jünger Äsculaps beeinflussen.

Wie groß jedoch die Zahl der Ärzte ist, die ihren Beruf noch nach „idealen“ Kriterien ausüben, und bei wievielen „pecunia“ das Handeln bestimmt, ist nicht festzustellen. Sicherlich ist der größte Teil der deutschen Mediziner einem hohen Berufs-Ethos verpflichtet. Daß aber manche Ärzte vom Wohlstandsvirus befallen sind, hat sich zum Schaden des guten Rufes ihres Standes leider erwiesen. Nur diese wohlstandssüchtigen Ärzte werden hinter jener Lobby stehen, deren Machenschaften wir im folgenden beleuchten. Daß dabei einige gesundheitspolitische Grundbegriffe zurechtgerückt werden, ist nicht zu vermeiden. Doch 120 Milliarden DM Krankheits- und Krankheitsfolgekosten im Jahre (Behandlung, Einkommensfortzahlung, Produktionsausfall) sind genug !

A. Gesundheit und Krankheit als ökonomisches Problem

Gesundheit ist ein Zustand, der (weil schmerzfrei, nicht behindernd, kostensparend) für jeden einzelnen und (weil keine Produktions- bzw. Dienstleistungsausfälle und keine wirtschaftsbelastenden Krankheitskosten verursachend) auch für jede Gesellschaft im höchsten Grade erwünscht ist.

Gesundheit ist jedoch umsatznegativ für den Medizinbetrieb und - im Falle einer von den Bürgern praktizierten, gesunderhaltenden Lebensweise - umsatznegativ auch für bestimmte Sektoren der Konsumgüterwirtschaft, für die Versicherungswirtschaft (wer gesund lebt, spart besser vermögensbildende Beiträge auf eigenem Konto, sofern er nicht „zwangsversichert“ zahlen muß), und für den Staat (es fallen weniger Steuern an).

Krankheit ist jedoch ein Zustand, der (weil schmerzvoll, behindernd, kostenträchtig) für den einzelnen (Produktions- bzw. Dienstleistungs-ausfälle und hohe soziale Kosten machend) und für Gesellschaft und Wirtschaft höchst unerwünscht ist.

Krankheit ist jedoch umsatzpositiv für den Medizinbetrieb, für die Versicherungswirtschaft (Versicherung aus Krankheitsfurcht) und für den Staat (es fallen mehr Steuern an); besonders umsatzpositiv für bestimmte Sektoren der Konsumgüterwirtschaft ist die Vorbereitungsphase der Krankheit: die von breiten Bevölkerungskreisen praktizierte gesundheitszerstörende Lebensweise.

B. Weder der Medizinbetrieb noch Teile der Konsumgüterwirtschaft, noch die Versicherungswirtschaft, noch der Staat können demnach an der Gesunderhaltung der Bevölkerung echt interessiert sein:

1. Gesundheitsabträgliche Konsumgüter werden verbreitet mit Hilfe einer raffinierten und z.T. grob irreführenden Werbung - wirksam schon bei den Kindern - vom Staat unbehelligt und politisch abgesichert durch die Lobbies der betreffenden Wirtschaftsbereiche.

2. Der Medizinbetrieb unterbindet durch seine Gesundheits-Verhin derungspolitik auf nicht minder raffinierte Weise - vorwiegend durch Etikettenschwindel - die Selbstgesunderhaltung der Bevölkerung unbehelligt von der Publizistik und politisch abgesichert durch die Medizin-Lobby.

3. Staat und Parteien zementieren die „krankheitszüchtende“ (Dr. med. Liek) und kostensteigende gesetzliche Krankenversicherung (GVK). Diese Institution ist durch den Abbau gesundheitlicher Selbstverantwortlichkeit, gesundheitlicher Leistungsmotivation und gesundheitlicher Eigeninitiative (90% der Bevölkerung) die weit vorrangige Ursache für den schleichenden Gesundheitsverfall und für die damit parallel gehende, die GKV-Mitglieder finanziell hoch belastende Kostenexpansion im Medizinbetrieb.

4. Die Versicherungswirtschaft ganz allgemein verschweigt, daß man das „Risiko Krankheit“ nicht echt versichern kann. Das einzelne Mitglied einer Versicherungsgemeinschaft darf niemals die Möglichkeit haben durch fahrlässiges, vorsätzliches oder betrügerisches Verhalten einen Schadensfall auslösen zu können, ohne damit den Versicherungsschutz zu verlieren. Beim angeblichen „Versichern“ von Krankheit werden jedoch unterschiedliche Risiken zu gleichen Beitragssätzen und ohne Mißbrauchs-Klausel „versichert“. Übergewichtige, Raucher, Trin- ker, Bewegungsfaule, potentielle Krankfeierer usw. müssen alle weitaus häufiger krankheitsbedingte Versicherungsleistungen in Anspruch nehmen als die ihre Gesundheit und ihre Ehrlichkeit nicht strapazierenden Versicherungs-Mitglieder. Trotz dem brauchen sie aber nicht mehr zu zahlen als die Letzteren. Ein derartiges Geschäftsgebaren hat mit einer echten Versiche- rung nicht das geringste zu tun. Hier liegt eine Umverteilung vor von Geldern aus der Tasche der gesundheitlich Verantwortungsbewußten in die Tasche der Verantwortungslosen, eine sich verhängnisvoll auswirkende Ungerechtigkeit !

C. Krankheits-Verursachungs- und Krankheits-Behandlungs-Industrien und -Berufsgruppen

bemühen sich heute ebenfalls - so wie die gesamte Wirtschaft - um Wachstum. Diese Art von Wachstum setzt jedoch das Mißachten gesundheitsorientierter Lebensführung und folglich das daraus resultierende Schrumpfen der Gesundheit in der Bevölkerung voraus. Um diese Zusammenhänge zu vernebeln, gaukeln die Krankheits-Verursacher den Bürgern die Fata Morgana einer heilen, zum gesundheitsbringenden Wachstum berechtigten, Gesundheitswelt, eines „Gesundheitswesens“, eines „Gesundheitssystems“ vor, wo aus dem Füllhorn der Medizin Gesundheit und nichts als Gesundheit fließt, und wo man wie im Schlaraffenland für den - und wer hört gerade das nicht gern - alle Gesundheitssünden restlos ausbügelnden Medizin-Segen lediglich die Hände offenzuhalten braucht.

Die brutale Wirklichkeit deckt nun auf, daß sich hinter der Maske des angeblichen „Gesundheits“-wesens das auf Beschäftigung und Umsatz programmierte Krankheits(behandlungs)wesen, der Medizinbetrieb verbirgt, in dem neben einer durchaus nicht sicheren Gesundheits-Wiederherstellung auch Krankheits-Zementierung (chronische Krankheiten) und Krankheits-Verursachung (Therapieschäden, Zerstörung der Selbstheilkräfte u.a.) eine in ihrem Umfang unbekannte, doch erheblich unterschätzte Rolle spielen. Damit werden die krankheitspolitisch lancierten Begriffsverfälschungen zur „hergestellten Dummheit“ (Prof. Dr. med. Mitscherlich), auf die niemand mehr hereinfallen sollte.

D. Die im Dunstkreis des Etikettenschwindesl entstehende medizinische Fata Morgana dient lichtscheuen Zwecken:

I. Das Krankheits(behandlungs)wesen, der Medizinbetrieb wird zum „Gesundheits“wesen, zum „Gesundheits“system umfrisiert, denn so läßt sich
1. den Wachstumswünschen des Medizinbetriebes auf unauffällige Weise entsprechen und
2. die Institutionalisierung eines die Interessen des Medizinbetriebes gefährdenden, echten Gesundheitswesens an Stelle des heutigen Pseudo-“Gesundheits“wesens verhindern (Wir haben ja eines, darum brauchen wir kein anderes ... echtes !).

II. Das Krankheits(behandlungs)wesen, der Medizinbetrieb behauptet von sich, er sei in der Lage, die Gesundheit zu „sichern“, sie zu „schützen“, mit ihr zu „versorgen“, sie beim Arzt „konsumieren“ zu lassen, Gesundheits- „Güter“ zu beschaffen usw. m.a.W. er behauptet, die Gesundheit in jedem Falle mit „Gesundheits“leistungen zu „Gesundheits“kosten total wiederherstellen zu können. In Wahrheit aber kann das Krankheitswesen nur mit z.T. auch noch fragwürdigen Behandlungsleistungen aufwarten. Das ist ein gewaltiger Unterschied !

Durch diesen Betrug mit Worten lassen sich
1. der Umfang der generellen Fragwürdigkeiten und der speziellen Risiken im Medizinbetrieb verschleiern, d.h.
a) die alarmierende Quote der Therapieschäden, Kunstfehler, Fehl- diagnosen, Fehl- bzw. Überbehandlungen usw.;
b) die verhängnisvolle Zerstörung der allgemeinen Quelle der Gesundheit: der körpereigenen Heil- und Abwehrkräfte durch Medikamente und/oder Strahlen;
c) die erschreckende Dürftigkeit der z.T. die Gesundheit verhindern- den, weil weitgehend lediglich symptomatischen Krankheitsbehand- lung; so läßt sich auch
2. die Selbst-Gesundheitssicherung bzw. der Selbst-Gesundheitsschutz der Bürger auf dem einzig erfolgreichen Wege: durch die eigenen Bemühungen in Gestalt einer gesunderhaltenden Lebensweise a u s s c h a l t e n. Dieser besonders zu Beginn mit Anstrengung und Verzicht gepflasterte Weg erscheint nunmehr, durch den bequemer erreichbaren angeblichen „Gesundheitskonsum beim Arzt“ und durch die angebliche „Gesundheitsversorgung“ im „Gesundheitssystem“ als überflüssig; es läßt sich ferner
3. das Kostenbewußtsein der Bürger, insbesondere das der Sozialver- sicherten einschläfern, weil
a) Krankheitsbehandlungskosten als „Gesundheitskosten“ hingestellt werden, die jedermann unkritisch zahlt, weil doch die Gesundheit das höchste Gut ist, für das nichts zu teuer sein darf (würde dieser „Jedermann“ wissen, daß der Prozentsatz tatsächlich erzielter Gesundheit an diesen Kosten nur minimal ist, würde die Zahlungsbereitschaft sofort erlahmen); weil
b) die als Gesundheitskosten hingestellten Krankheitskosten für die Sozialversicherten - allerdings nur optisch - auf ein Drittel verkürzt werden. Denn das zweite Drittel, der angebliche Arbeitgeberbei- trag, ist echter Lohnanteil, und das dritte Drittel (für Lohn- und Gehaltsfortzahlungen) ist in erhöhten Preisen für Konsumgüter und Dienstleistungen unsichtbar versteckt. Das alles wird von den Parteien und ihren „Gesundheits“politikern ebenso wie auch von den Gewerkschaften peinlichst verschwiegen !

E. Gesundheitspolitische „Entwicklungshilfe“ für Politiker und Gewerkschafter ist nötig:

Letztlich ist es der Sinn aller im Vorstehenden unter die Lupe genommenen „Gesundheitsvokabeln“, die Bevölkerung (zwecks Vollbeschäftigung im Medizinbetrieb und im Gesundheitsverhinderungs-Bereich ?)
a) die Überflüssigkeit des eigenständigen Weges zur Gesunderhaltung zu suggerieren;
b) bestimmte Schäden und Erfolglosigkeiten im Falle medizinischer Behandlungen zu verbergen;
c) das Wachstum des Medizinbetriebes statt dessen gesundheitsbe- dingtes Zusammenschrumpfen zu ermöglichen;
d) ein echtes Gesundheitswesen, das dieses Wachstum durch seine Aktivitäten stören würde, zu verhindern und
e) die grotesk hohen medizinischen Behandlungskosten umzufrisie- ren, um so die Zahlungsbereitschaft der Bürger zu stimulieren und
f) die notwendige Diskussion um eine Ablösung des krankheitszüchtenden GKV-Systems durch die gesundheitszüchtende, und darum sozial allein gerechte, Gesundheits(spar)kasse zu hintertreiben,

was alles darauf hinausläuft, mit der Fata Morgana der bequemen „Gesundheits-Versorgung- bzw. - „Sicherung“ durch den Medizinbetrieb bzw. durch das angeblich „bewährte“ GKV-System (bewährt nur für dessen Nutznießer) den sicheren Weg in die zunehmende Krankheit zu ebnen.

Dieser wirtschafts- und gemeinwohlabträglichen Strategie der Medizin-Lobby kann nur entgegengehalten werden, wenn in erster Linie der Etikettenschwindel mit Gesundheitsvokabeln öffentlich aufgedeckt und abgestellt wird. Dieser Aufklärung gebührt Priorität, denn nur dann besteht die Aussicht, die Folgen der krankheitspolitischen Begriffsverfälschungen, d.h. die allein dem Medizinbetrieb und der Zwangsversicherung nütztliche Verhinderung, Verschleierung, Ausschaltung und Einschläferung wichtiger gesundheitspolitischer Fakten und Aktivitäten, in Zukunft unmöglich zu machen.

Andernfalls muß es weiter heißen: GESUNDHEITSPOLITIK ? FEHLANZEIGE !

Weiterführende Literatur: Karlheinz Baumgartl „Der erste Schritt aus dem Teufelskreis“ (1978), 42 Seiten, im Eigenverlag

 
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